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Interview mit Udo Lindenberg
HINTERM HORIZONT – Weltpremiere am 13. Januar
Ein Gespräch mit Udo Lindenberg
Von Arno Köster, Berlin Januar 2011
Udo Lindenberg über 'sein' Musical HINTERM HORIZONT, Ost und West und die Nuschelkunst.
Wann kam der erste Gedanke auf, ein Musical zu machen ?

 Udo Lindenberg
Foto: Tine Acke
Schon vor ein paar Jahren, gemeinsam mit meinem Freund und Wegbegleiter Uli Waller
(Intendant St. Pauli Theater, Regisseur), mit dem ich viele Shows gemeinsam gemacht habe.
Aber so ein Baby braucht seine Zeit. Zunächst dachten wir an ein Underground-Off-Broadway-
Musical im St. Pauli Theater Hamburg, bis ich dann die Stage-Experten kennenlernte, die sofort
angezündet waren von der Idee einer großen Love-Story, Mädchen aus Ost-Berlin, eine Romeo
und Julia Geschichte, die diesmal nicht in New York, sondern in Berlin spielt, eine East-Side-
Story über eine unmögliche große Liebe, eine Liebe, die nicht lebbar, war, denn die Mauer war
dazwischen. Da stehen sich zwei Welten gegenüber und Udo kämpft, singt Löcher in die Mauer.
Irgendwann fällt sie und er trifft das Mädchen wieder, nachdem es zwischendurch nur ganz
seltene Begegnungen gab. Zum Beispiel in Moskau, wo es zu einer folgenschweren, süßen
Nacht kam im Hotel Russia. Ja, diese Story fanden die Stage-Experten gut und dann haben wir
uns dran gemacht.
Du warst von Anfang an involviert. Mit Deinen Rock-Shows hast Du Maßstäbe gesetzt, aber
Musical war Neuland für Dich. Wie hast Du Dich dem Thema genähert?
Wir waren ein bisschen unterwegs, haben uns ein paar Dinger angeschaut, in New York,
London, Las Vegas. Ich fand das Genre Musical dann doch ziemlich reizvoll, zumal ich es noch
nie gemacht hatte. Ich bezog einige Inspirationen aus ein paar Stücken, die ich gesehen hatte –
z.B. die Beatles Show in Las Vegas, oder auch Billy Elliot, ein Stück, das nicht nur Musical-
Trallala mit Veilchenblau, Pflaumenkuchenmusik und Vibrato im Hals bietet, sondern eine Story
mit einem echten Hintergrund. Das waren ja die Streikbrecher während der Maggie-Thatcher
Zeit in Durham. Auch „We will rock you“, mit den dicken Sounds von Queen hat mich inspiriert,
zumal das Genre Musical ja auch im Wandel ist, hin zur Moderne. Von daher ist es ja wichtig,
dass wir in Deutschland starten mit eigenen Geschichten, nicht nur mit Lizenzen und
übernommenen Stücken aus USA oder England. Die deutsche Teilung und Wiedervereinigung
als Hintergrund für eine große Liebesgeschichte schien uns da besonders geeignet. Also vom
Stasi-Knast bis hin zur Bunten Republik Deutschland.
War es da konsequent, dass jemand wie Thomas Brussig das Drehbuch schreibt?
Brussig war dafür prädestiniert, durch „Sonnenalle“ oder auch „Helden wie wir“. Er ist ja in der
damaligen DDR aufgewachsen, war sogar vorm Palast der Republik, damals 83. Er kennt all die
Geschichten und das Leben in der DDR aus leid- wie freudvoller Erfahrung, insofern war es fast
logisch, dass er diese Story schreibt. Wir wollten nicht, dass ein flinker Wessi schreibt, wie es
ungefähr gewesen sein könnte, es musste jemand sein, der das voll authentisch machen kann.
Wir haben uns dann zusammengesetzt und nach meinen Erzählungen begann er mit seinen
Aufzeichnungen und brachte auch die ein oder andere Top-Idee da rein. So wurde der Wahrheit
noch ein hübsches Kleidchen angezogen. Nun ist es rasantes Entertainment geworden,
angesiedelt zwischen Dichtung und Wahrheit, was aber mit beiden Füssen voll in der deutsch-
deutschen Realität steht.
Und es ist eine Fusion aus Musical, Theater und Rock-Show. Wie habt Ihr das
zusammengebracht?
Das war ein Prozess über Monate, denn gerade diese Fusion ist ja was ganz Neues, das gab es
so noch nie in Deutschland. Drei doch auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Welten
begegnen sich hier. Aber ähnliche Sachen haben wir ja schon immer gemacht. Meine erste
Fusion war 78/79 mit Peter Zadek, Theater trifft auf Rock-Show, insofern war das jetzt nicht so
ganz neu für mich, aber für viele andere ist es doch eine total frische Erfahrung. Gelegentlich
gab es da auch kreative Reibungen oder Kleinkriege unter den Olympioniken aus den
unterschiedlichsten Disziplinen. Auf den letzten Metern aber fügte sich dann alles zusammen zu
einer wunderbaren Symbiose und es wurde eine Novität in der Musical-Geschichte geschaffen,
etwas was es noch nie gab. Es ist wieder eine neue Pioniertat des Udo L., der sich ja als
Abenteurer und Experimentator selber bezeichnet. Deshalb hatte ich keine Lust, dass da ein
Standrad-Musical auf die Bühne gebracht wird. Gemeinsam mit meinen Experten aus der Rock
n Roll Abteilung, den Theatermeistern und den Musical-Cracks schufen wir hier einen Sound mit
Juwelen aus dem Lindenberg-Ouevre. Neben den Hits, die die Nation kennt, wird auch die eine
oder andere verschollene Perle wieder zu neuem Glanz gebracht.
Es ist schwer sowohl Udo-Songs zu singen, als auch Udo zu spielen. Hast Du vorher eine
Vorstellung davon gehabt, wie der Lindenberg-Darsteller sein sollte?
Es gab generell eine Bedingung. Es sollten keine Leute von Musical-Schulen sein, keine Sänger
im Sinne von Vibrato und lange Töne halten, keine Austauschbaren. Es sollten Stimmen sein,
ähnlich rau wie die Straßenstimme der Nachtigall selbst.
Serkan der Hauptdarsteller macht das ganz toll. Auch dass er türkischer Herkunft ist, ist ja im
Sinne einer Bunten Republik Deutschland. Ausgewählt wurde er in einem Casting. Gleich nach
der ersten Begegnung wusste ich, der ist es, ein würdiger Stellvertreter des panischen Geistes
auf Erden. Es ging ja nicht darum, einen Doppelgänger zu finden, einen der womöglich in eine
Karikatur abrutscht, sondern jemanden zu finden mit starkem Charisma und Eigenständigkeit.
Ein Charakter, der Udo L. in Stilistik, Gestik ähnlich ist, aber dennoch sich seine Eigenständigkeit
bewahrt.
Hast Du ihn dann auch in einer Art Panikkurs beraten?
Leichte Annektion meiner Nuschelkunst blieb ja nicht ganz aus, aber nur in sehr begrenztem
Maße, denn im Wesentlichen sollte es darum gehen, dass Serkan im Rahmen seiner ganz
persönlichen Note spielt, damit die Story auch gut rüberkommt. Da haben wir schon ein paar
Nächte drüber geredet. Genau wie mit Josephine Busch, eine Frau ohne geleckte Musical-Allüren.
Sie ist eine sehr natürliche Persönlichkeit, zum Verknallen sogar, nach dem Motto:
„Schön und schlau ist die Panik-Frau“, die beiden sind das Hauptpaar. Wir haben oft über
zusammen geredet, nur ob es den Paniksohn im wirklichen Leben auch gibt, da blieb ich dann
doch immer der Schimmelreiter im Paniknebel.
Hinterm Horizont ist ja nicht nur Deine, sondern auch eine deutsch-deutsche Geschichte und
verbindet den privaten mit dem politischen Udo. Was empfindest Du, wenn die eigene
Lebensleistung jetzt auf einer Bühne gezeigt wird?
Ich finde es sehr ehrenvoll, dass so eine Riesen-Firma wie Stage-Entertainment ein so
großartiges Team engagiert hat und eine so aufwändige Produktion nun am Stage Theater am Potsdamer Platz realisiert hat. Ich kenne den Platz ja noch aus den 80ern, als da noch nichts
war, nur Niemandsland direkt an der Mauer. Wir waren damals immer im Hansa-Studio, gleich
um die Ecke im Westen mit gelegentlichen Besuchen von David Bowie und Lou Reed. Ich freue
mich bis über die Hutschnur und ich finde toll, dass bei der Entwicklung der Geschichte der
private und der politische Udo berücksichtigt wurden. Beide sind ja untrennbar verbunden, denn
meine Arbeit war ja immer schon künstlerisch und politisch, damals auch in enger Absprache mit
Willy Brandt und Egon Bahr. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass in Ost und West keine
weiteren Raketen stationiert werden, damals die perverse Hochrüstung mit gigantischen
Ausgaben, während in anderen Teilen der Welt die Menschen hungern. Das sollte schon eine
Rolle spielen in der Geschichte, ohne es zu ernsthaft darzustellen. Da haben alle Experten gefeilt
und gebastelt und jetzt ist es gelungen.
Dann gab es eine klare Botschaft von Anfang an. Was soll denn das Publikum aus dem Musical
mitnehmen?
In erster Linie soll das Musical rasantes Entertainment sein, wie alle Udo-Shows. So haben wir
es umgesetzt und immer wieder feinjustiert, es sollte locker, bunt und knallig sein, mit ´nem gut
fetzigen Sound. Wir wollten ein Musical schaffen, dass sowohl von Millionen Rock-Experten
besucht wird, aber auch von vielen, die sich entweder erinnern an ihre Biografie in der damaligen
DDR, wie aber auch im Westen, sich eben auf beiden Seiten erinnern an die Zeit des Kalten
Krieges. Wir wollten aber auch viele junge Menschen ansprechen, die sich dafür interessieren,
was ist das für ein Land, wo kommen wir her, wie entstand diese Bunte Republik in die wir jetzt
gehen – vom Stasi-Knast in eine Republik die friedenspolitische Impulse in alle Welt aussendet.
Wir wollten unterhaltsam ein Stück Zeitgeschichte zeigen, auch für junge Leute, die Honecker für
einen Brotaufstrich halten und für die die damalige DDR etwas fast schon Unbekanntes ist. Dies
Verbindung ist dank der Experten von Musical, Theater und Rock n Roll gelungen.
Wie hat Udo L. den 09. November 89 erlebt?
Ich lag leicht schwindelig in einem Münchener Hotel und ein Freund rief mich an, mach mal die
Glotze an, kieck mal in der Tagesschau, es ist unfassbar, was da gerade abgeht. Was Du immer
schon geahnt hast, ist passiert: Die Mauer ist gefallen. Sofort flitzte ich zum Flughafen, checkte
in den Flieger nach Berlin ein und fuhr zum Brandenburger Tor. Leicht getarnt, mit angeklebtem
Bärtchen und Nick Knatterton Mütze, Mantelkragen hochgezogen und wenig sprechen wegen
verräterischer Stimme, ging ich da hin. Die Party war in vollem Gang, ich mittendrin,
Rotkäppchen-Sekt, Konfetti und Raketen – ich kann heute nur sagen: Das war die schönste
Party meines Lebens. Ich habe immer dran geglaubt und gedacht, wir sind hier ein Kulturkreis,
wir sind Menschen, die sich kennenlernen wollen. Ich hatte ja auch viele Freunde in der DDR, wo
über die Songs eine starke Vertrautheit entstanden war, nur hatte ich bis dato nie die
Möglichkeit, diese Menschen auch kennenzulernen. Nun ging das endlich und ich konnte rüber,
auch zu vielen nach Hause. Da wurde dann die Balalaika von der Wand genommen,
Rotkäppchen geschluckt und es war der Beginn vieler wundervoller Freundschaften, u.a. auch
mit vielen Bands, von denen ich bisher ja nur gehört hatte. Mir war damals klar, dass dies auch
eine wesentliche Erweiterung meiner künstlerischen Tätigkeit sein wird. Später haben wir das ja
fortgeführt mit den Prinzen, mit Silbermond und anderen.
(Gespräch mit Arno Köster im Januar 2011 in Berlin)
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